
In der breiten fachlichen Diskussion über die speziellen Fähigkeiten in interkulturellen Überschneidungssituationen herrscht keine Einigkeit. Listenmodelle mit Aufzählungen relevanter Teilkompetenzen und einem zielorientierten Effizienz-Ansatz stehen Strukturmodellen gegenüber, welche die menschliche Weiterentwicklung betonen, systemisch-prozessual ausgerichtet sind und Einzelfähigkeiten bestimmten Dimensionen zuordnen.1 Allgemein wird unter transkulturellen Kompetenzen die Fähigkeit verstanden, den Menschen aus verschiedenen soziokulturellen Kontexten und Kulturen vorurteilsfrei zu begegnen, reflektiert zu Handeln, im Wissen um die unterschiedlich kulturell geprägten Identitäten, einschliesslich der Eigenen.2 Um effizient interagieren zu können – wie ein Fisch im Wasser – bedarf es bestimmter Fähigkeiten, oft als Schlüsselkompetenzen unserer Zeit genannt. Viele Wissenschaftler und Forscher zählen darunter:
- Kommunikation – als wichtigste Form der sozialen Interaktion und von zentraler Bedeutung in interkulturellen Begegnungen. Die Kenntnis um kulturspezifische unterschiedliche Konventionen des Kommunizierens (v.a. non- und paraberbal) und Kommunikationsstile vermindern das Risiko für Missverständnisse. „Unabhängig vom Grad der fremdsprachlichen Performanz sind für eine effektive interkulturelle Kommunikation ein hohes Mass an grundlegender kommunikativer Kompetenz, sozialer Aufgeschlossenheit, kommunikativer Beweglichkeit und Flexibilität sowie kommunikativer Variantenreichtum, Expressivität, eine ausgesprochene Sensibilität für Zwischentöne sowie die Fähigkeit und Bereitschaft zum Zuhören wesentliche Voraussetzungen“.3
- Wahrnehmung – als bewusste Aufgabe, „dass sowohl die kulturell bedingten Besonderheiten der eigenen Wahrnehmungsprozesse wie auch der des fremdkulturellen Partners thematisiert und reflektiert werden“.4 Jedes Individuum nimmt die Welt mit seiner persönlichen, kulturell geprägten Brille wahr und muss anerkennen, dass nur ein Wirklichkeitsausschnitt des Gegenübers erfasst werden kann.5
- Selbstreflexion – als grundlegende menschliche Fähigkeit sich weiter zu entwickeln, über sich selbst nachzudenken, ein realistisches Selbstbild mit Stärken und Schwächen zu analysieren und nicht in einer ethnozentrischen Weltsicht zu verharren.
- Ambiguitätstoleranz - das Aushalten von Widersprüchlichkeiten, welche durch kulturell bedingte Unterschiede und mehrdeutige Informationen auftreten können sowie das Aushalten von gegensätzlichen Erwartungshaltungen.
- Perspektivenwechsel – als Technik bzw. Fähigkeit, bei der man sich in die Rolle und Position eines anderen hineinversetzt und versucht, die Welt (und sich selber) aus dessen Sicht zu sehen und damit das Denken und Verstehen des Anderen besser zu verstehen.
- Empathie – als Fähigkeit eines Menschen, „ einen anderen Menschen von aussen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, ohne diese jedoch notwendigerweise auch teilen zu müssen, und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden“.6
- Transkulturelles Hintergrundwissen und länderspezifische Kenntnisse – als unverzichtbare Voraussetzungen für erfolgreiche Kooperation und bewusste Gestaltung von Begegnungen im transkulturellen Kontext: Hintergrundwissen über die globalen Zusammenhänge unserer Zeit (Globalisierung, Migration etc.) und deren Auswirkungen, über verschiedene Weltanschauungen, über Lebensbedingungen und soziokulturelle Konzepte von MigrantInnen, über Ursachen und Folgen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, als auch länderspezifische Kenntnisse wie Begrüssungsrituale, Kommunikationsstile, Politik, Geschichte etc.
Viele Forschende sind sich einig, dass transkulturelle Kompetenzen nicht mit einem Bündel von Instrumenten und Methoden gleichzusetzen sind, die je nach Situation effizient eingesetzt werden können. Vielmehr geht es vor allem um Haltungen und Einstellungen, deren Erwerb eine lebenslange Aufgabe darstellt und „die nicht mit einem Fortbildungskurs abgeschlossen ist, sondern sich immer wieder an den Anforderungen, die aus der gesellschaftlichen Realität und den sich wandelnden Berufssituationen resultieren, zu orientieren habe“.7
Quellen:
1 Rathje 2006:1
2 Vgl. Kapitel Transkulturelle Kompetenz, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=89&Itemid=96
3 Thomas Band 1, 2003:113,114
4 Thomas, Band 1, 2003:101
5 Vgl. Wahrnehmung, kulturspezifisch, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=120&Itemid=127
6 Wikipedia, Empathie, http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie, 23.07.2009
7 Fischer 2005:34



Transkulturelle Schlüsselkompetenzen