Der Begriff Empathie leitet sich vom griechischen Wort „empatheia“ ab und wird mit Mitfühlen und Einfühlung übersetzt. Darunter versteht man die Fähigkeit eines Menschen, „ einen anderen Menschen von aussen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, ohne diese jedoch notwendigerweise auch teilen zu müssen, und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden“.1 Empathie ist das Gegenteil von Abgrenzung und bedeutet Engagement, Interesse, Neugier und Aufgeschlossenheit.
Im transkulturellen Kontext ist Empathie besonders wichtig, weil wir uns nicht auf Altbekanntes berufen können sondern die Entdeckung von Neuem zulassen wollen.2 Mit Geduld, Bemühen und Beharrlichkeit müssen wir uns mit Fremdem und Andersartigem auseinandersetzen und versuchen die Gedanken und Gefühle des anderen so weit wie möglich zu erkennen und zu verstehen, und aus dessen Weltbild (Sichtweise und Perspektive) zu interpretieren. Diese Kompetenz des Perspektivenwechsels ermöglicht Empathie. Wir müssen aber auch einsehen, dass wir nicht alles verstehen können. Es bleiben Spannungen zwischen uns und den anderen bestehen, die wir aushalten müssen. Grundlegende Voraussetzung für die Vertrauensbildung ist eine allgemeine Offenheit für und Wertschätzung von kultureller Vielfalt und ein neugieriger, unvoreingenommener Umgang mit fremden Menschen.
Zentral ist dabei, dass die empathische Zuwendung und das daraus resultierende Verstehen dem Gegenüber durch Aufmerksamkeit, Offenheit und Anteilnahme kommuniziert werden. Die offenbarte Anteilnahme mit der wir uns in eine Beziehung oder in ein Gespräch einbringen wird unser Gegenüber dazu bewegen sich ebenfalls einzubringen. Wer durch gutes Zuhören, adäquate Fragetechniken und eine bewusste Körpersprache auf Wünsche, Sorgen und Gefühle eingehen kann, erzeugt beim Gesprächspartner das Gefühl des Respektiert- und Aufgehobenseins und wird in Partnerschaft wie auch im Berufsleben als einfühlsamer, sympathischer Mensch erlebt. Auch wenn der Mensch nicht aus sich heraustreten und sich daher auch nie hundertprozentig in eine andere Person einfühlen kann, so lässt sich doch die Fähigkeit trainieren, sich einer anderen Lebenswelt anzunähern. Diese Annäherung sollte wertneutral geschehen, denn Beurteilungen und Verurteilungen beruhen immer auf der unhinterfragten Annahme der eigenen persönlichen (Werte)Matrix.
Empathie in der personenzentrierten Gesprächsführung 3
Auch für den US-amerikanischen Psychologen und Psychotherapeuten Carl Rogers (1902 – 1987) ist Empathie eine grundsätzliche Kompetenz zwischenmenschlicher Kommunikation. Der personenzentrierte, auch klientenzentriert genannte, Ansatz des Mitbegründers der Humanistischen Psychologie 4 wurde in der Gesprächstherapie erfolgreich angewandt, später auch auf aussertherapeutische Gesprächssituationen übertragen und ist aus beraterischen, pflegerischen, erzieherischen und seelsorgerischen Berufsfeldern nicht mehr wegzudenken. Rogers beschreibt drei unverzichtbare Forderungen an die personenzentrierte Gesprächstherapie und Gesprächsführung: Kongruenz, Akzeptanz und Empathie.
Rogers reduzierte diese drei Kernkompetenzen keineswegs als Anwendung einer speziellen Technik, sondern sah darin vielmehr elementare Grundhaltungen eines Therapeuten, eines Beraters, eines Pädagogen etc., welche verinnerlicht in Gesprächssituationen zum Ausdruck kommen sollen und dem Ziel dienen, die Selbstheilungskräfte des Mitmenschen zu fördern. Die Empathie als „einfühlendes Verstehen“ soll dabei mithelfen, einen Zerfallszustand der Kommunikation eines Menschen zu beenden.5
Empathie in der Neuro-Linguistischen-Programmierung 6
In der Neuro-Linguistischen-Programmierung (NLP)7 ist das Pacen 8 eine wichtige, empathische Fähigkeit, „um tief und ganzheitlich in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen, auch und besonders im interkulturellen Kontext“.9 „To pace“ bedeutet im Englischen im gleichen Schritt gehen. In der NLP versteht man darunter den Prozess des sich Angleichens, das Spiegeln von Kommunikationspartnern, mit dem Ziel, sich auf den Anderen und sein Modell der Welt einzulassen. Spiegeln geschieht mit Aspekten der verbalen (Tonalität, Sprechgeschwindigkeit etc.) und vor allem nonverbalen Kommunikation (Augenkontakt, Atmung, Körperhaltung, Gestik etc.). Das Pacen dient einer schnellen Kontaktaufnahme und ist ein wertvolles Werkzeug, um eine gute Beziehung, einen guten Rapport herzustellen („auf der gleichen Wellenlänge sein“).
Für Krämer/Quappe ist es grundlegend, „aus vollem Herzen mit anderen in Kontakt treten zu wollen. (…) echtes Interesse daran haben, andere zu verstehen, (…) sich in den anderen so tief hineinzuversetzen, dass man die gleichen Empfindungen und Wahrnehmungen wie der andere erfahren kann und versteht“.10 Ein bedingungsloses Akzeptieren der Identität des Fremden ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem Konform-Gehen mit dessen Meinungen und Verhalten.
Empathie und emotionale Intelligenz
„Emotionale Intelligenz ist ein Sammelbegriff für Persönlichkeitseigenschaften und Fähigkeiten, welche den Umgang mit eigenen und fremden Gefühlen betreffen.“11
Eine hohe emotionale Intelligenz bedeutet nicht die blosse Präsenz von Gefühlen, Emotionen, Stimmungen und Affekten, sondern zeichnet sich durch einen bewussten Umgang mit ihnen aus. Emotionale Intelligenz umfasst einerseits das Selbstmanagement und die Selbsterfahrung, andererseits die Kompetenzen und Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen. Johann Wolfgang Goethe sprach zu seiner Zeit von „Herzensbildung“.12
Der amerikanische Psychologe Daniel Goleman prägte 1995 mit seinem gleichnamigen Buch den Begriff der „emotionalen Intelligenz“. Für Goleman ist emotionale Intelligenz eine übergeordnete Fähigkeit des Menschen, von der es abhängt, wie gut die sonstigen Fähigkeiten, darunter auch der Verstand, genutzt werden können. Die emotionale Intelligenz (EQ = emotionaler Quotient) versteht Goleman als unabdingbare Ergänzung zum bekannten Intelligenz-Quotient (IQ), der Auskunft über die rationale Intelligenz eines Menschen gibt: IQ und EQ - zwei Seiten der gleichen Münze. Viele Forschende vermuten, dass der EQ für das erfolgreiche Meistern des Alltages und den persönlichen wie beruflichen Erfolg eines Menschen ausschlaggebender sein könnte als der IQ.
Empathie ist nach Goleman eines der fünf Elemente emotionaler Intelligenz, die aufeinander aufbauen und erlernt werden können:
- „Selbstbewusstheit (Fähigkeit eines Menschen, seine Stimmungen, Gefühle und Bedürfnisse zu akzeptieren und zu verstehen, und die Fähigkeit, deren Wirkung auf andere einzuschätzen)
- Selbstmotivation (Begeisterungsfähigkeit für die Arbeit, sich selbst unabhängig von finanziellen Anreizen oder Status anfeuern zu können)
- Selbststeuerung (planvolles Handeln in Bezug auf Zeit und Ressourcen)
- Empathie (Fähigkeit, emotionale Befindlichkeiten anderer Menschen zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren)
- Soziale Kompetenz (Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen und tragfähige Beziehungen aufzubauen, gutes Beziehungsmanagement und Netzwerkpflege)“13
Auch Goleman weist in seinem Buch auf die Zusammenhänge der Neurologie und Empathie hin. Empathie setze beim Menschen eine gewisse Gelassenheit und Aufnahmebereitschaft voraus, „damit das emotionale Gehirn die subtilen Signale des Empfindens eines anderen Menschen aufnehmen und nachahmen kann.“14 Ein völliger Mangel an Empathie, so Goleman, beschleunigt zum Beispiel bei Gewalttätern die grausamen Taten.
Das richtige Mass an Empathie
Untersuchungen der modernen Gehirnforschung über die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und mit den Gefühlen des Anderen mitzuschwingen, weisen auf zwei wesentliche Ergebnisse hin: 15
- Empathie aktiviert in den Bereichen des eigenen Gehirns die beim anderen wahrgenommenen Emotionen. Dieses Mitschwingen der Gefühle des anderen in einem selbst kann als Resonanz bezeichnet werden.
- Diese Resonanz kann der Mensch bewusst und unbewusst verändern und ist dadurch in der Lage, Empathie gezielt einzusetzen.
Der Neurowissenschaftler und Psychologe Claus Lamm spricht vom richtigen Mass an Empathie: Zu geringe Aufmerksamkeit verhindert Empathie während ein zu starkes Einfühlen und Hineinprojizieren in die Welt des Gegenübers zu einer Abwehr-Reaktion führen kann. „Diese aversive Reaktion äussert sich im Gehirn durch eine vermehrte Aktivität in Arealen, die mit negativem Stress (Distress) sowie der Tendenz zum Rückzug aus der unangenehmen Situation in Verbindung gebracht werden.“16
Um Distress zu vermeiden und Empathie zu ermöglichen ist es grundlegend wichtig, zwischen den eigenen Emotionen und jenen des Gegenübers unterscheiden zu können. Vermischen sich diese beiden „Gefühlswelten“, steht das eigene Empfinden im Vordergrund und fremdes Leid wird als eigenes wahrgenommen, weil man davon überwältigt wird oder sich an ähnliche, persönliche Situationen erinnert fühlt.
Mitverantwortlich für diesen Prozess der Empathie sind die Spiegelneuronen 17 in unserem Gehirn. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die vorwiegend aktiv werden, wenn wir Menschen begegnen. Neurowissenschaftler sind überzeugt, dass das Wirken der Spiegelneuronen die Grundlage für die Fähigkeit ist, Absichten anderer zu erkennen: ein Mann hebt den Schlüsselbund vom Tisch auf – er will gehen; eine Frau nimmt ein Frottiertuch aus dem Schrank – sie will duschen; ein Kind nimmt die Bauklötze aus dem Regal – es will spielen. Die Spiegelneuronen ermöglichen uns Menschen, in den gleichen Bedeutungsraum des Gegenübers einzutreten und tragen damit zu besserem Verstehen bei. Experten vermuten, dass unsere Fähigkeiten zu Empathie, Mitgefühl, sozialer Kompetenz und Kommunikation massgeblich von den „Wunderzellen“ abhängen!18

Quelle: Spiegel online, Spiegel hinter der Stirn, http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=20899682&top=SPIEGEL, 31.08.2009
Abgrenzung Empathie, Perspektivenwechsel, Sympathie, Mitgefühl
Umgangssprachlich werden Begriffe wie Empathie (Einfühlungsvermögen), Perspektivenwechsel, Sympathie oder Mitgefühl oft verwechselt und vermischt. Übergänge sind gleitend und in der alltäglichen zwischenmenschlichen Interaktion sind wir uns oft nicht bewusst, auf welcher Ebene wir uns befinden.
Empathie
Fähigkeit eines Menschen, „ einen anderen Menschen von aussen (ohne persönliche Grenzen zu überschreiten) möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu verstehen, ohne diese jedoch notwendigerweise auch teilen zu müssen, und sich damit über dessen Verstehen und Handeln klar zu werden“.19 Empathie betrifft alle Erlebensdimensionen. Es geht um das differenzierte Wahrnehmen des inneren Bezugsrahmen eines anderen Menschen, als ob man selbst der andere wäre, jedoch ohne diese „Als-Ob-Ebene“ zu verlassen.
Perspektivenwechsel
„Fähigkeit, den Standpunkt einer anderen Person, der sich vom eigenen unterscheiden kann, bewusst einzunehmen, ohne den eigenen zu verlieren.“20 Sich in die Rolle und Position eines anderen hineinzuversetzen eröffnet die Chance, die Welt aus dessen Sicht zu sehen.
Sympathie
„Fähigkeit/Reaktion eines Menschen, einen anderen Menschen möglichst ganzheitlich zu erfassen, dessen Gefühle zu teilen, ohne sich zuvor über Gründe für dieses Verstehen und evtl. Handeln klar zu werden.“21 Sympathie ist eine Form von Zuneigung, oft fremden Menschen gegenüber, die aus einer oft spontanen gefühlsmässigen Übereinstimmung entsteht.
Mitgefühl
Darunter versteht man das Nachempfinden und Teilen fremder Gefühle, „in den anderen einzudringen“. Dabei wird immer die Grenze des Gegenübers überschritten. Dies kann als hilfreich oder belastend empfunden werden.22 Mitleid und Mitfreude sind Formen des Mitgefühls.“ Mitleid heisst die Teilnahme am Unglück anderer und die hieraus entspringende Bereitwilligkeit, den Leidenden zu helfen.“23
Quellen:
1 Wikipedia, Empathie, http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie, 15.06.2009
2 Domenig 2001:151
3 Vgl. Kapitel Personenzentrierte Gesprächstherapie nach Carl Rogers, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=101&Itemid=108
4 „Die Humanistische Psychologie versteht sich als dritte Kraft neben der Tiefenpsychologie und dem Behaviorismus und lehrt, dass sich eine gesunde und schöpferische Persönlichkeit mit dem Ziel der Selbstverwirklichung entfaltet.“ (Wikipedia, Humanistische Psychologie, http://de.wikipedia.org/wiki/Humanistische_Psychologie, 11.08.2009)
5 Rogers, 1988:321
6 Vgl. Kapitel Neuro-linguistisches Programmieren NLP, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=99&Itemid=106
7 NLP wurde Anfang der 1970er Jahre von Richard Bandler und John Grinder als neues Verfahren der Kurzzeit-Psychotherapie entwickelt. „Sie definierten NLP als dass Studium der Struktur subjektiver Erfahrungen und der Folgerungen daraus.“ (Wikipedia, Neurolinguistische Programmierung, http://de.wikipedia.org/wiki/Neurolinguistische_Programmierung, 5.07.2009) „Das Neuro-Linguistische Progrqammieren gilt als bedeutsames Konzept für Kommunikation und Veränderung. (…) NLP untersucht die Muster oder die Programmierung, die durch die Interaktion zwischen dem Gehirn (Neuro), der Sprache (linguistic) und dem Körper kreiert wird, und die sowohl effektives als auch ineffektives Verhalten produzieren können.“ (NLP-Community, Definition NLP, www.nlp.de/info/nlp_methode.shtml, 5.07.2009)
8 Pacen (engl. pace m: schreiten, gleichschreiten, einhergehen) "bedeutet, sich in der Körperhaltung, dem Sprachverhalten, der Gestik und/oder dem Atemrhythmus dem Gesprächspartner anzupassen. Dadurch entsteht auf einer unbewussten Ebene ein intensiver und zuverlässiger Kontakt. Dieser Kontakt ist unabhängig von inhaltlichen Übereinstimmungen und daher besonders gut geeignet, auch in schwierigen und kontroversen Situation eine stabile und positive Beziehung zu gewährleisten." (NLPedia, die NLP Enzyklopädie, nlpportal.org/nlpedia/wiki/Pacing, 26.06.2009)
9 Krämer/Quappe 2006:118
10 Krämer/Quappe 2006:119
11 Wikipedia, Emotionale Intelligenz, http://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Intelligenz, 2.07.2009
12 Zeit zu Leben, Emotionale Intelligenz, www.zeitzuleben.de/inhalte/be/erfolgsmethoden/eq_1_was.html, 5.07.2009
13 Wikipedia, Emotionale Intelligenz, http://de.wikipedia.org/wiki/Emotionale_Intelligenz, 2.07.2009
14 Goleman 1995:137
15 Vgl. Lamm 2009:1,2
16 Lamm 2009:1
17 Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser Vorgang nicht bloss (passiv) betrachtet, sondern (aktiv) gestaltet würde. (Wikipedia, Spiegelneuronen, http://de.wikipedia.org/wiki/Spiegelneuron, 22.07.2009)
18 Spiegel online, Spiegel hinter der Stirn, http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=20899682&top=SPIEGEL, 31.08.2009
19 Wikipedia, Empathie, http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie, 15.06.2009
20 Dorsch 1998:631
21 Pflegewiki, Sympathie, http://www.pflegewiki.de/wiki/Sympathie, 3.07.2009
22 Wikipedia, Empathie, http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie, 15.06.2009
23 Kirchner, Mitleid, www.textlog.de/1813.html, 03.07.2009


