Ein weiterer personaler Faktor ist die Ambiguitätstoleranz. Das Wort Ambiguität leitet sich vom lateinischen ambiguitas ab, was Mehrdeutigkeit oder Doppelsinn bedeutet. Vereinfacht bezeichnet das Konzept der Ambiguitätstoleranz die Fähigkeit, „Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können“.1

Die Psychoanalytikerin und Psychologin Else Frenkel-Brunswick führte ursprünglich das Konzept der Ambiguitätstoleranz ein als „Basisvariablen in der emotionalen und kognitiven Orientierung eines Individuums gegenüber dem Leben“.2 Sie beschäftigte sich mit der ethnozentrischen Voreingenommenheit bei Kindern und beobachtete, „dass manche Individuen eher dazu befähigt sind, positive und negative Eigenschaften ihrer Eltern zu sehen und Gefühle von Liebe und Hass ein und derselben Person gegenüber ohne allzu grosse Angst oder Konflikte zu akzeptieren, während andere das Bild der Eltern entweder als ganz und gar gut oder schlecht dramatisierten“.3
Der persönliche Umgang mit Ambiguitäten ist an sich eine entscheidende Komponente in zwischenmenschlichen Interaktionen, gewinnt jedoch an Bedeutung und Komplexität in transkulturellen Überschneidungssituationen, beim Zusammentreffen von Menschen mit verschiedenen kulturell gewachsenen Orientierungssystemen 4 und Identitäten. Im transkulturellen Kontext verstehen wir unter Ambiguitätstoleranz das Aushalten von Widersprüchlichkeiten, welche durch kulturell bedingte Unterschiede und mehrdeutige Informationen auftreten können sowie das Aushalten von gegensätzlichen Erwartungshaltungen. Wesentlich ist, dass man entstehende Unsicherheiten zulässt, sich immer wieder neu auf fremde Situationen einlässt und diese Erfahrungen kontinuierlich reflektiert.
Menschen mit hoher Ambiguitätstoleranz behalten auch in neuen, unstrukturierten und schwer kontrollierbaren Situationen die Ruhe und bleiben dadurch handlungsfähig. Sie sind fähig, „Abweichungen von gewohnter Normalität oder unerwartete Reaktionen und Handlungen zu akzeptieren, statt als Bedrohung zu empfinden“.5 Ihre Haltung ist von einer zirkulären Denkweise - sowohl als auch - geprägt.
Stress und Unbehagen sind typische Symptome bei Menschen mit geschwächter bis kaum vorhandener Ambiguitätstoleranz, wenn Situationen und Menschen unberechenbar und unkontrollierbar erscheinen und sie darauf keine adäquate Reaktion und Antwort wissen. Sie tendieren dazu, schnell mit einfachen und unreflektierten Ideen oder Regelsystemen wieder Ordnung und Struktur in ihrem Umfeld herzustellen. Das Fremde und Unbekannte ist bedrohlich, daher negativ und muss eliminiert sein. Diese Menschen neigen in diesen Situationen zu linearer Denkweise und zu Schwarz-Weiss-Lösungen: entweder – oder. Jack Reis entwickelte einen Test zur Erfassung von Ambiguitätstoleranz.6
Quellen:
1 Dorsch 1998:31
2 Frenkel-Brunswick 1949:113
3 Vgl. Müller-Christ/Wessling 2007:1985
4 Thomas, Band 1, 2003:22ff
5 Hatzer/Layers 2003:143
6 Reis 1997


