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Selbstreflexion

Selbstreflexion bedeutet das Nachdenken über sich selbst und ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit. Selbstreflexion steht in enger Beziehung mit Begriffen wie Selbsterkenntnis (das Erkennen seiner Selbst) und Selbstkritik (das Hinterfragen eigener Standpunkte und Handlungen).1  Für die persönliche Entwicklung eines jeden Menschen ist es wichtig, ein realistisches Selbstbild zu entwickeln und sich selber mit allen Stärken und Schwächen einschätzen zu können. Ich bin neugierig zu wissen, wieso ich so gehandelt habe? Auf welchen Erfahrungen, Überlegungen und Werten stützt sich mein Verhalten ab? Es interessiert mich zu erfahren, wie ich auf andere Menschen wirke, wie sie mich wahrnehmen und ob die beiden Sichtweisen übereinstimmen? Eine probate, aber sensible Methode der Selbst- und Fremdwahrnehmung ist das Einholen und Geben von Feedback.2 

Selbstreflexion ist sowohl in intra- wie auch interkulturellen Interaktionen eine grundlegende Kompetenz, um nicht in einer ethnozentrischen Weltsicht zu verharren und letztendlich sich selber besser kennen- und einschätzen zu lernen.

Jeder Mensch nimmt seine eigene Lebenswelt als schlicht gegeben hin, seine Lebenswelt ist fraglos wirklich.3  Lebenswelt impliziert biographische Erfahrungen, äussere Lebensbedingungen und soziokulturelle Hintergründe. Aufgrund dieser Selbstverständlichkeit beurteilen wir die Welt und handeln in ihr gemäss unserer verinnerlichten Matrix. Diese Matrix prägt den Blick, so dass es keine rein objektiven Beobachtungen und Wahrnehmungen gibt, sondern nur kulturell subjektiv gefärbte (ethnozentrische Muster und Prägungen).

Der Diplom-Psychologe Stefan Schmid untermalt anschaulich seine Meinung von Kultur als „die Brille, mit der wir die Welt sehen“.4  Unser kulturell geprägtesVerhalten (z.B. Begrüssungsrituale) ist ein fester Bestandteil unseres Lebens, welches wir als normal erachten, automatisch anwenden und „dabei wie eine Brille auf der eigenen Nase nicht mehr wahrnehmen“.

Erst beim Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Lebenswelten können wir Eigen- und Fremderfahrung erleben. Schon beim Kleinkind ist das Fremden (umgangssprachlich „Frömdeln“) der psychohygienische Prozess, die Spannungen und Konflikte in vertrauten Beziehungen zu neutralisieren (Mutter, später Vater, Geschwister und zu sich selber) und dadurch das Eigene zu schützen. Was Konflikte erzeugt, wird abgespalten und in das Bild des Fremden hinein verschoben. So entwickelt sich das Eigene zum Guten und das Fremde zum Bösen.  Von Anfang an, so der Psychoanalytiker und Ethnologe Mario Erdheim, entwickelt der heranwachsende Mensch eine ambivalente Einstellung dem Fremden gegenüber, „es weckt ebenso viel Angst und Abstossung wie Faszination und Anziehung“.5

In einem ersten Schritt müssen wir deshalb in einem selbstreflexiven Prozess unsere eigene Lebenswelt und unsere eigenen Lebenserfahrungen genau wahrnehmen, uns Unbewusstes und Selbstverständliches bewusst machen und hinterfragen, uns mit eigenen Wertvorstellungen und Hintergründen auseinandersetzen. Die Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Haltungen zeigt die Relativität der eigenen Praxis auf, die nur eine mögliche Antwort auf die Herausforderungen des Lebens ist. Jeder Mensch hat seine „mentale Programmierung“ 6  oder sein „Orientierungssystem“,7 welche die Wahrnehmung, das Denken und das Handeln steuern. Auf der Basis eines solchen Erklärungsansatzes erscheinen Fremdheitsgefühle als etwas Normales, die zugelassen und nicht verdrängt werden sollen. Die bewusste Auseinandersetzung und Reflexion unserer affektiven und kognitiven Automatismen lässt uns unseren Deutungsmustern auf die Spur kommen, die eigene Wahrnehmung ordnen und letztendlich Eigenes von Fremdem unterscheiden.8

Erst die Kenntnis der eigenen und die Annäherung an fremde kulturelle Grundlagen befähigen uns in einer Interaktion die Situation adäquat zu beurteilen und angepasste Handlungen abzuleiten. Der Zugang zu unseren eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern ist Voraussetzung für das Verstehen des Anderen und Fremden. In letzter, transkultureller Konsequenz führt diese Selbstreflexion zu Veränderungen eigener kultureller Muster.

Die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Veronika Fischer gewichtet eine selbstreflexive Haltung als bedeutender Pfeiler interkultureller Kompetenzen:9

  • Sich der eigenen kulturellen Prägung bewusst werden
  • Gewordensein hinterfragen
  • Ethnozentrische Anteile der individuellen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster erkennen
  • Sich Bedingungen und Grenzen des Handelns aufgrund der eigenen Orientierungs-muster bewusst machen
  • Selbstkritische Haltung gegenüber der Berufsrolle einnehmen (Rollendistanz)
  • Berufliche Werte, Normen und Ziele überprüfen und mit den von den Klienten geäusserten Erwartungshaltungen vergleichen, ggf. relativieren, ergänzen, korrigieren
  • Umgang mit Irritationen und Befremdung lernen
  • Sensibilität gegenüber eigenen Gefühlen entwickeln, um sie von den fremden unterscheiden zu lernen (Umgang mit Projektionen)
  • Authentizität
  • Prozesshaftigkeit von kultureller Identität erkennen
     

Quellen:
1 Wikipedia, Selbsterkenntnis, http://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterkenntnis, 15.06.2009
2 Feedback ist eine Rückmeldung an eine Person über deren Verhalten und wie dieses von anderen wahrgenommen, verstanden und erlebt wird. (Wikipedia, Feedback, http://de.wikipedia.org/wiki/Feedback_(Gruppendynamik), 15.06.2009)
3 Domenig 2001:148
4 Schmid 2001:11
5 Erdheim 2003:2
6 Hofstede 2006:3ff
7 Thomas, Band 1,  2003:22ff
8 Fischer 2005:41
9 Fischer 2005:42
 

 

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