Die menschliche Wahrnehmung scheint auf den ersten Blick ein einfacher Vorgang zu sein. Indem der Mensch mit seinen fünf Sinnen ein Bild der Welt aufnimmt, durchläuft sie den typischen Prozess:
- Sammeln,
- Sortieren und
- Bewerten von Informationen.1
Wahrnehmung ist also ein aktiver Prozess der Reizverarbeitung, durch den der Mensch mit seiner Umwelt in Beziehung tritt. Um diese Welt wahrzunehmen, stehen ihm fünf Sinne zur Verfügung:2
- Sehen (visuelle Wahrnehmung)
- Hören (auditive oder akustische Wahrnehmung)
- Riechen (olfaktorische Wahrnehmung)
- Schmecken (gustatorische Wahrnehmung)
- Tasten (haptische Wahrnehmung)
Bei diesem Verarbeitungsprozess sind in enger Wechselbeziehung verschiedene psychische Bereiche miteinander verbunden: Denken, Sprechen, Aufmerksamkeit, Lernen, Erinnerungen, Emotionen etc. Das zeitgemässe Denkmodell der menschlichen Wahrnehmung geht davon aus, dass der Mensch mit seinem ganzen Fundus subjektiver Erfahrungen und seinen Sicht- und Denkweisen, einschliesslich seiner gesamten Persönlichkeitsstruktur in aktiv gestaltender Form an diesem hochkomplexen Prozess beteiligt ist. Die bewusste und unbewusste Sammlung von Informationen aus der Aussenwelt wird laufend mit den gespeicherten Daten und Schemata der inneren Vorstellungswelt eines Individuums abgeglichen. Das Resultat ist nicht einer objektiven, messbaren Realität gleichzusetzen, sondern entspricht der subjektiven Wirklichkeit eines Menschen. Wahrnehmung ist also biologisch, sozial und kulturell geprägt und kann nur innerhalb von soziokulturellen Kontexten entwickelt und verstanden werden.3 Mit den Worten Matetzkes ausgedrückt: „Menschen verschiedener Kulturen nehmen die Welt auf je eigene Weise wahr“.4
Auf den zweiten Blick scheint die menschliche Wahrnehmung ein überlebensnotwendiger, hochkomplexer Prozess zu sein, auf den wir in den nachfolgenden Kapiteln "Menschliches Gehirn" und "Kulturspezifisch" näher eingehen. Dietmar Treichel hat die verschiedenen Phasen und Zusammenhänge des menschlichen Wahrnehmungsprozesses auf der nachfolgenden Grafik übersichtlich zusammengefasst:

Quelle: Treichel, unveröffentlichtes Manuskript, 7.06.2009
Die fiktive Geschichte von Klaus P. Hansen beleuchtet in humorvoller Weise die Automatismen der menschlichen Wahrnehmung und die Bedeutung der ethnozentrischen Sichtweise und des kulturellen Kontextes:5
Ein Raumschiff landet zur Weihnachtszeit im Engadin, da auf dem Planeten Erde intelligentes Leben vermutet wird. Jahreszeitengemäss (welche es auf dem Planeten Alterius nicht gibt) trafen die Ausserirdischen vorwiegend auf Wintersportler. Nach einem halben Jahr Forschung wurden die beobachteten Lebewesen aufgrund ihrer Fortbewegungsart in vier Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe benutzte ein breites Brett, auf dem die beiden unteren Extremitäten befestigt werden. Zwei schmälere Bretter und zwei Stöcke dienten der zweiten Gruppe zur Fortbewegung, während die Bretter und Stöcke der dritten Gruppe noch schmäler und länger waren. Die letzte Gruppe brauchte zum Fortkommen überhaupt keine Hilfsmittel. Die ausserirdischen Forscher waren stolz auf ihre erste Erkenntnis: sind die Werkzeuge gross, bewegt man sich bergab, sind sie klein, bleibt man in der Ebene. Weiter fiel den Beobachtern auf, dass die Umhüllungen der verschiedenen Gruppen sich unterschieden, innerhalb einer Gruppierung jedoch ähnlich waren. Die gruppenspezifischen Hieroglyphen auf den Kleidern – „O’Neill“ oder „Chiemsee“, „Head“ oder „Bogner“, „Odlo“ oder „The North Face“ – hielten sie für die Markierungen und Codes der führenden Familien und Clans. Die Ausserirdischen staunten über das Phänomen der Fortbewegung auf dem Planeten Erde. Kam auf Alterius eine Bewegung nach dem Erreichen des Ziels zur Ruhe, so bewegten sich die Mitglieder der ersten und zweiten Gruppe wiederholt den Berg hinunter und mit Hilfe von an Seilen hängenden Kästen wieder an den Ausgangspunkt hinauf. Dazu nahmen sie teilweise grosse Mühen und lange Wartezeiten in Kauf. Auch die dritte und vierte Gruppe, die sich in der Ebene bewegte, kehrte immer wieder zu einem steinernen Kasten mit der Aufschrift „Hotel“ zurück. Die Forschenden standen vor einem Rätsel: Was war der Grund für die Fortbewegung? Als mit dem Frühling die weisse Farbe allmählich zurückging und immer mehr braune und grüne Stellen hervorkamen, deutete sich eine Lösung an. Die Fortbewegung diente zum Zweck, die weisse Substanz zu vernichten, die für die fremden Lebewesen wahrscheinlich eine Gefahr darstellte. Erst als diese Gefahr beseitigt war, verringerte sich die Zahl der sich im Freien Aufhaltenden deutlich und es wurde ruhig.
Quellen:
1 Wagenhals 2004:92
2 Wikipedia, Sinn, http://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_(Wahrnehmung), 21.08.2009
3 Treichel, unveröffentlichtes Manuskript, 7.06.2009
4 Maletzke 1996:48
5 Hansen 2000:32ff


