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Entwicklung transkultureller Kompetenz

Die in Kapitel Transkulturelles Kompetenzprofil nach Kiel vorgenommene Aufgliederung der Teil- und Einzelkompetenzen hilft zu verstehen, was sich hinter dem Begriff transkulturelle Kompetenz verbirgt. Nach Ewald Kiel ist die ihre Lebensstile überschreitende, transkulturelle Persönlichkeit Zielvorstellung des Prozesses der Entwicklung interkultureller Kompetenz.1 Diese transkulturelle Persönlichkeit kann nach Kiel durch Lernen über sechs aufeinander aufbauende Stufen angestrebt werden.
Das übergeordnete Prinzip, das dieser Abfolge zugrund liegt, lautet: Die Entwicklung transkultureller Kompetenz führt von der Sensibilisierung für die Problematik, über die kulturelle Selbstreflexion zur kulturellen Fremdreflexion und von dort zur Überprüfung dieser Reflexion in oder an der Realität einer Zielkultur.2  
 

Stufe 1      vorwiegend affektiv-emotionale kulturelle Sensibilisierung durch spielerische Simulation
Stufe 2 vermitteln von Methoden der Kulturanalyse, ausgehend von transkulturellen Konzepten
Stufe 3 Analyse der eigenen Kultur
Stufe 4 Analyse der Zielkultur
Stufe 5 Die Analysen sind Voraussetzung für den konstruktiven Teil, die selbständige Entwicklung kultureller Regeln einer Zielkultur, insbesondere im Hinblick auf ein mögliches Konfliktpotential.
Stufe 6 Überprüfung der entwickelten Regeln durch physischen Kontakt mit der Zielkultur oder mit deren Vertretern

Quelle: eigene Darstellung  

Stufe 1 : Kulturelle Sensibilisierung
Die grosse Herausforderung jeder kulturellen Begegnung liegt darin, dass die unterschiedlichen Organisationen und Institutionen einer Kultur sowie Werte und Einstellungen von Kulturen einen erheblichen Einfluss auf die Interaktion haben. Einerseits liegt das Schwierige für die Gestaltung solcher Begegnungen oder den ungeplanten Ablauf darin, dass Organisationen und Institutionen und die mit ihnen verknüpften Werte und Einstellungen nur zum Teil in Bräuchen, Ritualen, Begriffen oder Verhaltensweisen sichtbar sind. Man spricht deswegen auch von Oberflächenkultur (surface culture) und Tiefenkultur (deep culture) 3  oder auch von einem Eisbergmodell 4 der Kultur, weil auch bei einem Eisberg nur ein Teil sichtbar an der Oberfläche des Wassers ist. Andererseits liegt das Schwierige darin, dass wir, wie das Modell von Benett 5 deutlich macht, zunächst von eigenen ethnozentrischen Vorstellungen ausgehen und das Unbekannte häufig mit Kategorien des Eigenen zu verstehen suchen. Dieses Vorgehen ist aus kognitiver Sicht nicht zu vermeiden. Unreflektiert ergeben sich hieraus jedoch eine Reihe von Konflikten.
Um die Wirksamkeit solcher Phänomene bewusst zu machen, ganz besonders um das Problem der Interpretation kultureller Werte und Einstellungen selbst zu erleben, gibt es eine Reihe von Simulationsspielen, von denen eine kleine Auswahl im Downloadfenster zuoberst an der Seite unter Übungen zu finden ist.

Stufe 2: Methoden der Kulturanalyse
Das durch die Simulationen angeregte Aufmerksam- und Bewusstwerden für die Problematik kultureller Werte, ihrer schwierigen Interpretation und ihrer Konsequenzen auf die Interaktion soll auf Stufe zwei reflektierend bearbeitet werden, um zu einem Verständnis zu gelangen. Die Methoden zur Kulturanalyse sind beispielsweise die Kulturdimensionen 6 oder die Lebensstile 7.

Stufe 3: Analyse der eigenen Kultur
Die Kulturdimensionen und die fünf Lebensstile sind ein geeignetes Mittel der Interpretation des eigenen Verhaltens in der Kultur, des Verhaltens anderer, oder auch der Interpretation kultureller Verkörperungen und Produkten wie Filme, Literatur, Sachtexte oder auch reale Alltagssituationen.
Bei der Analyse der eigenen Kultur ist es wichtig, sich zu fragen, in welchen Bereichen des Lebens man wie denkt und handelt. Gelten dieselben oder unterschiedliche Handlungsweisen im Beruf, im privaten Bereich und beim Ausüben von Hobbys? Es ist nämlich durchaus möglich und realistisch, dass ein Nebeneinander verschiedener kultureller Orientierungen Tatsache ist.
 
Stufe 4: Analyse der Zielkultur
Dieser Schritt ist im Prinzip ein Spiegelbild des vorangehenden, nur dass es in diesem Fall nicht um Phänomene des eigenen Verhaltens oder der eigenen Kultur geht, sondern eine fremde Kultur in dieser Stufe im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses steht.
Die Analyse und Interpretation des eigenen kulturellen Verhaltens und der eigenen Kultur, die bei vielen Lernenden zu Überraschungen führt (zum Beispiel "Ich hätte nie gedacht, dass ich in manchen Bereichen so individualistisch sein kann!") hat auch eine wichtige emotional-affektive Funktion: Die von ihrem eigenen Verhalten und ihrer eigenen Kultur überraschten Lernenden können nun möglicherweise leichter das Überraschende in der anderen Kultur akzeptieren und anerkennen. Zumindest können die Lernenden erkennen, dass Lebensstile oder Kulturdimensionen, die sie emotional eher ablehnen, auch in ihrer eigenen Kultur - möglicherweise sogar im eigenen Verhalten - vorkommen, allerdings weniger stark ausgeprägt. Dies ist ein wichtiger Aspekt, Akzeptanz und Anerkennen oder ein Beurteilen und Bewerten des Fremden zu erleichtern.
 
Stufe 5: Entwicklung kultureller Regeln der Zielkultur
Der Kontrast von Selbstreflexion und Fremdreflexion ist die Basis dafür, kulturelle Regeln der Zielkultur selbst zu entwickeln und sie nicht aus einem vorgegeben Regelkatalog zu entnehmen. Dabei können diese Regeln durchaus interessenspezifisch erstellt werden - etwa im Hinblick auf einen bestimmten Kontext, in dem sich die Lernenden vorwiegend aufhalten möchten.
Die Regeln können im Sinne der Überlegungen zur "critical incident technique" an kritischen Entscheidungssituationen festgemacht werden.8  Das heisst, aufgrund der Analyse der eigenen Kultur und der Analyse der Zielkultur sollte eine Reihe von Situationen identifiziert werden, in denen es nach Meinung der Lernenden zu Konflikten kommen könnte. Der erste Schritt ist die Beschreibung eines solchen Konflikts und eine Deutung seiner möglichen Ursachen, der zweite Schritt eine Ableitung von Regeln hieraus.
 
Stufe 6: Überprüfung der Regeln in oder an einer Zielkultur
Bei der Erstellung der Regeln kommt es zunächst darauf an, dass sie konsistent mit der geleisteten Selbst- und Fremdreflexion sind. Sie sind zunächst nichts weiter als Hypothesen. Idealerweise werden diese Hypothesen bestätigt oder verworfen durch einen Aufenthalt in der Zielkultur oder zumindest durch Kontakt mit Personen aus einer solchen Zielkultur. Ein wichtiges Instrument des Überprüfens ist die Analyse kritischer Entscheidungssituationen durch die Lernenden.9

 

 

Quellen:
1 Kiel nennt es die Entwicklung interkultureller Kompetenz, die als Ziel eine transkulturelle Persönlichkeit hat. Da wir vom transkulturellen Konzept ausgehen, steht für uns die Entwicklung transkultureller Kompetenz im Fokus.
2 Kiel 1996:6-7
3 Vgl. Fowler/Steinwachs/Corbeil 1993:8
4 Vgl. Kapitel Kulturschichten, Eisbergmodell, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=56&Itemid=63
5
 Vgl. Kapitel Sensibilitätsmodell nach Benett, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=86&Itemid=93
6
 Vgl. Kapitel Kulturdimensionen, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=63&Itemid=70
7
Vgl. Kapitel Lebensstile nach Thompson, Ellis und Wildavsky, http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=62&Itemid=69
8
Flanagan 1954:351
9 Flanagan 1954:351

 

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