
Moderne oder traditionelle Gesellschaften sind mit den gleichen Grundproblemen konfrontiert. Sie unterscheiden sich vor allem in den Antworten und Reaktionen auf diese Herausforderungen. Diese These fand vor allem in der Sozialanthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Verbreitung (Ruth Benedict, Margaret Mead). Um diese Unterschiede zwischen Kulturen greifbar zu machen, entwickelten Ethnologen wie Edward T. Hall und Sozialwissenschaftler wie Geert Hofstede und Fons Trompenaars sogenannte Kulturdimensionen.1 Es sind dies definierte Grundprobleme einer Kultur, die sich zwischen zwei Extremen bewegen. Mit Hilfe dieser Kulturdimensionen lassen sich kulturelle Denkmuster charakterisieren, schematisieren und voneinander abgrenzen. Sie reflektieren wesentliche Bereiche möglicher kultureller Verschiedenheit. Eine Dimension ist immer nur ein Aspekt einer Kultur und erhebt nicht den Anspruch, Individuen zu beschreiben. Diese Merkmale einer Kultur sind Durchschnittswerte und treffen nie auf alle Mitglieder einer Kultur zu. Auch innerhalb nationaler Kulturen sind unterschiedliche Orientierungen zu finden.2
Das Wissen über Kulturdimensionen sensibilisiert für mögliche kulturelle Differenzen und kann in interkulturellen Begegnungen ein wertvolles Hilfsmittel zur Orientierung sein. Dieses Analyseinstrument hilft, schnell einen gruppenbezogenen „kulturellen Überblick“ zu gewinnen und ist eine gute Basis für Selbst- und Fremdreflexion. Das Verstehen dieser Dimensionen kann das gegenseitige Verständnis vertiefen.
Wir sehen bei der Anwendung dieser Analyseinstrumente jedoch auch Gefahren:3
- Gefahr der unbewussten Stereotypisierung
- Eine real nicht vorhandene kulturelle Homogenität wird konstruiert
- Konzentration auf trennende Unterschiede (das Fremde) statt auf komplementäre Ressourcen
- statisches Bild einer Kultur trotz Phänomenen wie globalen Vernetzungen und Rückkopplungen
- Reduktion bzw. Vereinfachung auf nationale Kultur - bei Vernachlässigung anderer Gruppen, die darin enthalten sind oder deren Grenzen brechen
- Migrations- und Organisationsdynamik bleibt unberücksichtigt
Unter kritischer Berücksichtigung dieser Gefahren schaffen die Kulturerfassungsmodelle einen virtuellen Raum für den Vergleich von Kulturen. Diese künstlichen Konstrukte erlauben unterschiedliche Kulturen zu betrachten, auch die Eigene. Sie dienen der Sensibilisierung für kulturelle Unterschiedlichkeiten und Gemeinsamkeiten als auch zur Vorbereitung von interkulturellen Begegnungen.4 Ein entscheidender Faktor für die Vertretbarkeit der Kulturdimensionen ist ein reflektierter Umgang, das Bewusstsein für kulturellen Wandel und um die Grenzen dieser Methode.
Quellen:
1 Hofstede 2006:29, Trompenaars/Hampden-Turner 2008:8
2 Trompenaars/Hampden-Turner 2008:157,221
3 Treichel 2009:30
4 Vgl. Kapitel Kulturalismus des 20. Jh., http://www.transkulturelles-portal.com/index.php?option=com_content&view=article&id=49&Itemid=56



Kulturdimensionen