
Kultur im Alltag
Der Begriff „Kultur“ wird in der heutigen Zeit sehr vielseitig verwendet und er begegnet uns im Alltag in vielfältiger Form:
- Wir interessieren uns für andere Länder und Kulturen,
- stecken den Kulturbeutel ins Reisegepäck,
- geniessen das neue Joghurt mit probiotischen Kulturen,
- wehren uns gegen die Umzonung des raren Kulturlandes in der Gemeinde,
- kaufen uns das Buch eines Kult-Schriftstellers,
- besuchen ein Konzert im Rahmen der Kulturwochen,
- fühlen uns einer Subkultur dazugehörig,
- ärgern uns über die Gesprächskultur in politischen Debatten,
- meckern über die fehlende Kultur der Nachbarn,
- oder freuen uns über die Unternehmenskultur am Arbeitsplatz.
Dieser umgangssprachliche Gebrauch von Kultur beinhaltet bereits verschiedene Aspekte des Kulturbegriffs: Kultur als Hochkultur, als besonderer Lebensstil, als Lebensform in Gesellschaften, als domestiziertes Naturphänomen und als Kultiviertheit des sozialen Umgangs.
Kultur umfasst die Gesamtheit des vom Menschen Geschaffenen. Das grosse Bedeutungsspektrum schliesst einerseits physische Dinge (Werkzeuge, Kunstwerke etc.), durch den Menschen hervorgerufene Veränderung der Natur, die geistigen Errungenschaften der Menschheit (Schrift, Musik etc.) als auch die sozialen Organisationsformen mit ein.1 Damit wird deutlich, dass der Begriff Kultur all das umfasst, was durch menschliche Tätigkeit geschaffen, verändert und gestaltet wurde. Oder wie der deutsche Philosoph Bernhard Waldenfels treffend resümiert, Kultur ist – ähnlich der Seele bei Aristoteles – „auf gewisse Weise alles“.2 In Wissenschaft und Gesellschaft wird der Begriff Kultur breit und kontrovers diskutiert. Die unterschiedlichen Sichtweisen von Kultur geben Einblick in die Menschheitsgeschichte und zeigen gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Lebensumstände auf. So erzählt der Soziologe Norbert Elias, wie mühsam unsere europäischen Vorfahren jene Umgangsformen erlernen mussten, die heute unseren Kleinkindern beigebracht werden (mit Besteck essen, Körpergeräusche unterdrücken, Naseputzen etc.).3
Kultur im Wandel
Der Kulturbegriff war im Laufe der jüngeren Menschheitsgeschichte einem stetigen Wandel unterworfen. Denker und Forschende der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen wie Ethnologie, Anthropologie, Soziologie, Philosophie, Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Ökologie, Literaturwissenschaft u.a., versuchten Kultur aus den verschiedensten Blickwinkeln und im Spannungsfeld ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu definieren. Wurde anfänglich während Jahrhunderten Kultur im Gegensatz zur Natur verstanden und in späteren Epochen mit Zivilisation gleichgesetzt, werden heute auch die Lebens- und Bedeutungswelten unserer Gesellschaft darunter subsumiert.
Eine weitere Entwicklungslinie des Phänomens Kultur lässt sich anhand des Gültigkeitsbereichs des jeweiligen Kulturbegriffs zurückverfolgen. Ursprünglich wurde Kultur als das definiert, was uns Menschen von den Tieren unterscheidet. Der evolutionistische Ansatz implizierte eine Kulturentwicklung der Menschheit: vom Tier zum Zivilisierten. Mit Kultur wurde eine spezifische Gruppe von Menschen ein- oder ausgegrenzt: der Adel grenzte sich vom kulturlosen Volk ab, die zivilisierten Europäer von den primitiven Wilden, die Schweizer von den Deutschen. Gerade dieses kulturrelativistische, an das Territorium von Nationen gebundene Kulturverständnis, ist im populären Sprachgebrauch bis in die heutige Zeit weit verbreitet.
Im Spannungsfeld der Entwicklungen unserer globalisierten Welt wird Kultur immer mehr als dynamischer, transversaler Prozess von Vernetzung und Verwebung in einem sich ständig verändernden gesellschaftlichen Umfeld verstanden und jedes Individuum als einzigartiger hybrider Mischling, als Mensch mit unterschiedlichen soziokulturellen Prägungen und einer komplexen Identität wahrgenommen.
Kultur - die Mistel auf dem Baum
Im Spannungsfeld der Klimaerwärmung und der Ressourcenproblematik wurde in den letzten Jahren ein sorgsamer und nachhaltiger Umgang mit der Natur gefordert. Die existenzielle Basis jeder Kultur stützt sich auf ihre natürlichen Lebensgrundlagen - die Natur - ab. Für dieses Kultur-Natur-Verhältnis ist die Mistel auf dem Baum eine ideale Metapher. Die Mistel als epiphytische 4 Pflanze lebt in Symbiose mit ihrer Trägerpflanze. So lange beide existieren, entwickeln sie sich zusammen weiter. Verschwindet der Baum, so ist der Mistel die Lebensgrundlage entzogen. Vertreter der Kulturökologie fordern, diesen Natur-Kultur-Verbund als Einheit zu sehen und entsprechend zu handeln.5

Ein Blick zurück in die historische Entwicklung des Kulturbegriffs verhilft zu einem besseren Verständnis der aktuellen Kulturdebatte in Wissenschaft und Gesellschaft. Wir sehen, wie sich „Kultur“ im Laufe der Zeit gewandelt hat und auch aktuell im Wandel begriffen ist.
Quellen:
1 Vgl. Wikipedia, Kultur, http://de.wikipedia.org/wiki/Kultur, 22.05.2009.
2 Assmann 2008:13
3 Assmann 2008:15
4 „Ein Epiphyt ist eine Pflanze, die nicht im Boden, sondern auf anderen Pflanzen wurzelt, sich aber eigenständig ernährt.“ (Langenscheidts Fremdwörterbuch Online, http://services.langenscheidt.de/fremdwb/fremdwb.html, 28.08.2009)
5 Finke 2003:277



Entwicklung des Kulturbegriffs